Wie lange muss ich nach einer Gelenkersatzoperation eigentlich mit Gehstützen laufen ?"
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Dr. Mottek – unser Experte antwortet:
01.10.2007
„Wie lange muss ich nach einer Gelenkersatzoperation eigentlich mit Gehstützen laufen und darf nicht voll auftreten? Ich habe das Gefühl, jeder erzählt etwas anderes.“
Ihr Gefühl trügt wahrscheinlich nicht, die Meinungen der einzelnen behandelnden Fachgruppen weichen teilweise recht deutlich voneinander ab. Standards kann man natürlich nur für den Normalfall festlegen, wobei selbst hier die „Geschwindigkeit“ in der Rehabilitation zwischen den Patienten sehr variieren kann und es deshalb keine einheitliche Zeitangabe geben kann.
Grundsätzlich gilt heutzutage, dass das operierte Bein nach einem Gelenkersatz von Beginn an voll belastet werden darf. Ausnahmen wird es immer geben. Wenn - aus welchen Gründen auch immer - nicht die sonst übliche stabile Verankerung der Komponenten bei der Operation möglich war, wird der Operateur eine Teilbelastung oder gar Entlastung anordnen. In solchen Fällen muss man sich auf eine langfristige Notwendigkeit von Gehstützen einstellen. Die Entscheidung über das Ausmaß und die Dauer der notwendigen Schonung kann nur der operierende Facharzt treffen.
Selbst die Großzahl der Patienten, die formell von Beginn an voll belasten dürfen, tun dies sinnvollerweise nicht vom ersten Tag an. Man empfiehlt eine schmerz- und schwellungsabhängige Steigerung der Belastung, die allerdings schon nach einigen Tagen vollzogen sein kann. Eine frei gegebene Vollbelastung ist dann aber noch nicht gleichzusetzen mit dem Weglassen der Stützen. Der Patient läuft im Normalfall zum Ende der ersten Woche im sogenannten 3-Punkt-Gang, d.h. ähnlich dem Skilangläufer. Die Gehstützen haben dann weniger die Bedeutung, den Knochen des operierten Gelenkes vor zu viel Last zu schützen, da eine Auslockerung der frisch implantierten Prothese nicht das vordergründige Risiko ist. Sie dienen vielmehr der Kompensation muskulärer Defizite, die nach einer Totalendoprothese nicht zu vermeiden sind und gewährleisten ein schmerzarmes, flüssigeres Gangbild. Viele Patienten trauen sich (zu Recht) schon nach wenigen Tagen zu, kürzere Strecken ohne Stützen oder andere Gehhilfen zu laufen. Dabei fällt aber oft auf, dass sie relativ deutlich hinken, mit den Stützen dann aber sehr viel besser laufen.
Durch das im Allgemeinen viel aggressivere Nachbehandlungsregime nach Kunstgelenken im Vergleich zu früher und nicht zuletzt durch die Ausweitung muskelschonenderer Operationstechniken, die leicht beschönigend „minimal-invasiv“ genannt werden, sind die muskulären Defizite in der heutigen Zeit relevant geringer ausgeprägt und dauern auch nicht so lange an. Es ist keine Ausnahme, dass Patienten noch vor Ende der Akut-Rehaphase, d.h. vor Ende der 6. Woche postoperativ, die Gehstützen weglassen könnten. Nehmen Sie zumindest die immer noch in einigen Reha-Kliniken verbreitete Vorschrift, die Patienten müssten grundsätzlich mindestens 3 Monate oder gar ein halbes Jahr nach einer solchen Operation an Stützen laufen, nicht zu ernst. Besprechen sie das Thema nach Abschluss der Reha mit ihrem Arzt, der sicher einen entsprechenden Test durchführen wird.
Für die Übergangszeit, wenn der Patient subjektiv und auch objektiv noch nicht ganz ohne eine Gehhilfe zurecht kommt, andererseits die klassischen Gehstützen manchmal für ein zügiges und flüssiges Gangbild schon stören, hat es sich bewährt, die Stützen einfach umzudrehen und wie Wanderstöcke zu benutzen. Noch besser scheint es, sich die heutzutage allgegenwärtigen Stöcke für das Nordic walking zuzulegen. Als Dauerunterstützung auf der Straße benötigt man diese zwar nicht lange. Da das Walking aber auch längerfristig eine ideale Möglichkeit für die individuelle Nachbehandlung nach einem Gelenkersatz ist, sollten sie diese Investition überdenken. Mittlerweile gehört man in Deutschlands Wäldern ohne Nordic-walking-Equipment ja schon zu Minderheit, so dass man sich mit solchen Stöcken keinesfalls schämen muss.
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