Interview: Angst vor der Operation
mit Dr. Jens Müller
1. Dr. Müller, viele Patienten haben große Ängste vor der Operation und der Narkose. Wie hoch schätzen Sie das Risiko für den Patienten bei einer Regionalanästhesie ein?
Das Risiko bei einer Regionalanästhesie ist gering. Viele Patienten haben vor allem Angst, dass der Narkosearzt bei der Regionalanästhesie ins Rückenmark stechen könnte. Dies kann praktisch nicht passieren, da das Rückenmark beim Erwachsenen spätestens in Höhe des ersten Lendenwirbelkörpers endet. Die Punktion wird aber meist zwischen dem zweiten und dritten Lendenwirbelkörper vorgenommen. Mit den Spezialnadeln ist es auch sehr unwahrscheinlich, die dort im Spinalkanal verlaufenden Nervenfasern zu verletzen.
Jede Injektion oder Punktion trägt natürlich ein formelles Infektionsrisiko in sich. Da die Narkoseärzte die Punktionsstelle aber analog wie bei einem chirurgischen Eingriff steril abwaschen und abdecken, ist dieses Risiko sehr gering.
2. Gibt es Beruhigungsmittel, die ich vor der Operation einnehmen kann? Wenn ja, welche? Würden Sie die Einnahme von Beruhigungsmitteln empfehlen?
Sie sollten ohne Rücksprache mit den behandelnden Ärzten am Tag vor der Operation und erst recht am Operationstag keine Beruhigungsmittel selbständig einnehmen. Im Rahmen der so genannten Prämedikation verordnet der Narkosearzt bei Bedarf für die Nacht vor der Operation und für die unmittelbare präoperative Phase meist routinemäßig ein Beruhigungsmedikament. Sollten Sie sehr aufgeregt sein oder von früheren Eingriffen her schon wissen, dass Sie vor einer Operation sehr schlecht schlafen, weisen Sie den Anästhesisten im Vorgespräch einfach darauf hin. Sie werden dann entsprechend vorbereitet.
3. Welche Medikamente bekomme ich vor, während und nach der Operation?
Vor der Operation erhalten Sie die so genannte Prämedikation. Diese dient nicht nur zur Dämpfung Ihrer Aufregung, sondern ist für den Anästhesisten wichtig, um die Narkose problemlos einzuleiten. Bei einer Vollnarkose erhalten Sie in Abhängigkeit von Art und Dauer des Eingriffs stets eine Kombination aus Narkose- und Schmerzmitteln. Neben Erfahrungswerten hat der Anästhesist durch das moderne Monitoring stets eine zeitnahe Information über die Narkosetiefe und Ihren Zustand. So erfährt er sofort, wenn er zum Beispiel die Schmerzmedikation nachdosieren muss, obwohl Sie sich in einem tiefen Narkoseschlaf befinden. Nach der Operation steht die Schmerztherapie im Vordergrund, die zu Beginn meist als Infusion oder zunehmend mit speziellen Schmerzpumpen durchgeführt wird. Gleichzeitig wird der Kreislauf stabilisiert.
4. Warum muss ich vor der Operation nüchtern sein?
Bei einer geplanten Vollnarkose müssen Sie in jedem Fall mindestens sechs Stunden zuvor nüchtern bleiben, d.h., Sie dürfen auch nichts trinken und nicht rauchen. Ein gereizter Magen oder Mageninhalt kann bei der Narkoseeinleitung zur Aspiration, dem ungewollten Übertritt von Mageninhalt in die Lunge führen, was schwerwiegende Folgen haben kann. Auch für eine Regionalanästhesie sollten Sie sicherheitshalber nüchtern sein, da es – wenn auch selten – passieren kann, dass diese für die Operation nicht ausreicht und doch eine Vollnarkose nötig wird.
5. Kann es passieren, dass ich nicht mehr aufwache?
Anders als bei Notoperationen von schwer kranken oder akut instabilen Patienten ist es heutzutage sehr unwahrscheinlich, dass sich während des Eingriffs durch die Narkose oder die Gelenkoperation selbst ein Problem einstellt, das derart schwerwiegende Konsequenzen hat.
6. Kann es passieren, dass ich während der Narkose aufwache?
Dies kann theoretisch durchaus passieren, allerdings bemerkt sowohl der Anästhesist durch das Monitoring als auch der Operateur die Frühzeichen einer ungenügenden Narkosetiefe, so dass längst ausreichend gegengesteuert ist, bevor Sie „richtig aufwachen“.
7. Werde ich während der Operation Berührungen oder Bewegungen spüren?
Bei einer Vollnarkose verspüren Sie nichts. Bei einer Regionalanästhesie merken Sie natürlich im Oberkörper, wenn Ihr Bein stark hin- und her bewegt wird. Manchmal spüren Sie sogar noch Ihr Bein, haben aber schon keinerlei Schmerzempfinden mehr.
8. Bin ich während der Operation wach und ansprechbar? Werde ich Geräusche wie zum Beispiel den Bohrer hören?
Bei einer Regionalanästhesie sind Sie grundsätzlich wach und bei vollem Bewusstsein. In der Gelenkendoprothetik wird natürlich gesägt und gebohrt. Das ist verständlicherweise nicht jedermanns Sache. Heute gehört ein tragbarer CD-Player zur Standardausrüstung während der Operation. Der Anästhesist kann Sie aber ohne Probleme mit schnell wirksamen und gut steuerbaren Medikamenten zum Schlafen bringen, obwohl der Einbau eines Kunstgelenkes keine lautlose Angelegenheit ist.
9. Kann ich bei der Operation zuschauen?
Für viele Patienten ist es bei einer Arthroskopie des Kniegelenkes unter Regionalanästhesie ein beeindruckendes Erlebnis, ihre Operation im Kniegelenk am Videobildschirm mit zu verfolgen. Der Blick auf das eigentliche OP-Feld ist aber aus Sterilitätsgründen mit Tüchern verdeckt. Der Einbau eines Kunstgelenkes kann deshalb nicht „live“ beobachtet werden.
10. Kann ich bei der Operation meine eigene Musik hören?
Ein tragbarer CD-Player gehört heute zur Standardausrüstung im OP. Sie können deshalb natürlich während des Eingriffs Ihre eigene Musik hören.
11. Wann werde ich wieder richtig wach sein?
Idealerweise sind Sie direkt nach Beendigung des Eingriffs wieder wach, meist dauert es aber ein bis zwei Stunden, ehe Sie wieder richtig wach sind.
12. Wird mir nach der Operation übel sein?
Durch die modernen Narkosemittel ist das Problem Übelkeit nach Vollnarkose viel seltener oder zumindest weniger schlimm geworden. Leider beobachten wir auch heute noch hin und wieder narkosebedingte Übelkeit unserer Patienten.
13. Wie stark werden die Schmerzen nach der Operation sein?
Das hängt natürlich auch wesentlich von der Art des Eingriffs ab. Grundsätzlich lassen sich alle Schmerzbilder mit einer entsprechend adaptierten Therapie ausreichend maskieren. Durch die modernen, immer häufiger verwendeten Schmerzpumpen in Verbindung mit einem Venenzugang oder einem Schmerzkatheder ist man als Patient kontinuierlich und auch unabhängig vom Pflegepersonal mit einem Schmerzmittel versorgt.
14. Was ist, wenn die Regionalanästhesie für die Dauer der Operation nicht ausreicht?
Die Regionalanästhesie reicht eigentlich immer für die Dauer einer Gelenkersatzoperation aus. Bei den seltenen Operationen, wo deutliche längere OP-Zeiten zu erwarten sind wie z.B. aufwendige Wechsel-Operationen, kann man über einen zuvor gelegten Katheder das Betäubungsmittel nachgeben. Außerdem lässt sich jederzeit eine Vollnarkose überlappend einleiten.
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